Coolness mit Tradition:
der Industrial Style
und seine Geschichte

Aus den Fabriken in unsere Wohnzimmer

Der Industrial Style – wir alle kennen und lieben ihn. Er ist mutig, lässig und unverwüstlich. Wer ihn als Einrichtungsstil wählt, setzt klare Zeichen, die ohne Verzierungen und überflüssiges Beiwerk auskommen. Nichts wird hier dem Zufall überlassen oder existiert ohne Zweck.

Aber wie ist er entstanden, dieser Industrial Style? Und wie hat diese beeindruckende Mischung aus funktionalen, unerschütterlichen Materialien und Formen Einzug in unsere Wohnungen und Häuser gehalten? Um diese Fragen zu klären, müssen wir die Zeit um knapp 150 Jahre zurückdrehen, in eine Epoche, als die Welt sich im Aufbruch befand.

Die industrielle Revolution: Welt im Aufbruch

London, 1851: Seit der Erfindung der Spinnmaschine vor knapp hundert Jahren hat die industrielle Revolution bis dahin ganz unvorstellbare wirtschaftliche und gesellschaftliche Veränderungen mit sich gebracht, für die das britische Königspaar Victoria und Albert mit der ersten Weltausstellung eine spektakuläre Bühne schafft.

Voller Stolz präsentiert diese Great Exhibition im Crystal Palace, einem monumentalen Bauwerk aus Gusseisen und Glas, die allerneuesten technischen und wissenschaftlichen Innovationen aus aller Welt – und trifft damit den Nerv der Zeit. Denn stolz sind die Industriellen auf ihre Innovationen, die es ihnen ermöglichen, mit immer effizienteren Produktionsverfahren immer höhere Gewinne einzufahren.
Foto: Unbekannter Fotograf, Public domain, via Wikimedia Commons

Der Crystal Palace, hier an seinem endgültigen Standort in Sydenham, wird selbst zum Symbol für die neuen Möglichkeiten der Technik

Industrie-Design: entwickelt, um zu funktionieren

Die Ausstattung der Produktionsstätten passt sich diesen neuen Gegebenheiten an: Stühle, Schränke, Tische, Lampen, einfach alle Einrichtungsgegenstände müssen ihren jeweiligen Zweck optimal erfüllen und zudem robust und langlebig sein. Schränke und Regale werden mit Eisen oder Stahl verstärkt, denn diese Materialien sind durch neue Herstellungsverfahren für den universellen Gebrauch erschwinglich geworden. Gut verschließbare Spinde ziehen in die neuen Aufenthaltsräume der Arbeiter ein, die sich zurecht gegen die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft auflehnen und sichere, menschenwürdige Arbeitsbedingungen fordern.

Für die Lichterzeugung wird zunehmend Elektrizität eingesetzt, die Lampenformen werden gezielt für die jeweiligen Einsatzgebiete entworfen. Die Firma Holophane beispielsweise entwickelt Ende des 18. Jahrhunderts ihre erste Deckenlampe mit einem Schirm aus prismatischen Glas. Diese verteilt das Licht gleichmäßig über größere Flächen und kann somit große Räume homogen ausleuchten. Die Modelle mit einem haubenartigen Metallschirm sind bald nicht mehr wegzudenken aus den Fabrikhallen und Manufakturen.

Für das gezielte Ausleuchten von Arbeitsplätzen oder Schreibtischen werden Lampen konstruiert, die durch einen verstellbaren Arm genau dorthin gerichtet werden können, wo das Licht gebraucht wird. Der britische Industriedesigner George Carwardine (1887-1947) fügt diesen Lampen noch eine revolutionäre Komponente hinzu, die er eigentlich für Fahrzeuge entwickelt hat: Er ergänzt den schwenkbaren Lampenarm durch vier spiralförmige Eisenfedern, mit der sich die Lampe noch schneller und genauer ausrichten lässt – und kreiert mit ihr ganz nebenbei eine der bekanntesten Stilikonen des Industrial Styles, die Anglepoise 1209.

„Ein seelenloses Gefüge ohne Schönheit und Stil“

Doch nicht jeder ist begeistert von diesem neuen Pragmatismus, der das Aussehen eines Gegenstands komplett auf seinen Zweck reduziert. 1895 wird mit der ersten Ausgabe der Zeitschrift „Die Jugend“ in Deutschland ein Stil geboren, der sich als Gegenbewegung zu den Formen der Industrialisierung versteht: Der Jugendstil sieht das Gesamtphänomen Industrialisierung als ein seelenloses Gefüge, dem jegliche Schönheit und jegliches Stilbewusstsein auf Kosten von Macht und Geld verloren gegangen ist.

Er und ähnliche Bewegungen in Großbritannien (Arts and Crafts) und Frankreich (Art Nouveau) begeben sich auf die Suche nach einer Ausdrucksform, die zwar auch praktikabel ist, aber trotzdem nicht auf ästhetische Komponenten verzichten muss. Diese finden sie vor allem in organischen Formen, die die Natur selbst zum Kunstwerk erklärt, da sie über die Macht des Menschen erhaben ist.
Foto links: Martin Adam, Berlin, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Jugendstil vs. Industrial Style: zwei ganz unterschiedliche Formenwelten

Form follows function

Wirklich Einfluss nehmen kann der Jugendstil auf das neue Verständnis von Design und Schönheit nicht mehr, das vom Philosoph Paul Souriau 1904 in seinem Buch „La beauté rationelle“ in Worte gefasst wird:

„Zwischen dem Schönen und dem Nützlichen darf es keinen Konflikt geben. Ein Objekt besitzt dann Schönheit, wenn sich seine Funktion in seiner Form manifestiert.“

In den 1920er Jahren bringt die Kunstschule Bauhaus, die als Wegbereiter für die moderne Kunst gilt, Souriaus Definition auf den Punkt:

„Form follows function.“

Diese drei kleinen Wörter werden auch für die Weiterentwicklung des Industrial Styles von großer Bedeutung sein, denn nach den Wirren der beiden Weltkriege werden sich ihn viele Künstler zum Motto machen.

New York nach 1945: Leben im Loft

Denn nach 1945 sehen sich die Künstler von New York, wie viele Menschen in vielen Städten auf der Welt auch, vor ein großes Problem gestellt: die Suche nach bezahlbarem Wohnraum. Sie entdecken die Lofts der alten Industrie- und Manufakturviertel wie Soho für sich, die Opfer der amerikanischen Wirtschaftskrise nach dem 2. Weltkrieg geworden sind und mittlerweile zu großen Teilen leer stehen und verfallen.

Ein Loft hat zu dieser Zeit noch wenig Gemütliches an sich, sondern ist einfach eine Bezeichnung für „Speicher“ oder „Lagerraum unter dem Dach“. Die Künstler, die hier für billige Mieten einziehen, nehmen viel in Kauf: schlecht isolierte Räume, keine oder nur improvisierte Bäder und vor allem die Gefahr, schnell wieder aus ihren neuen Behausungen herausgeschmissen zu werden. Denn nach geltendem Gesetz ist das Wohnen in den alten Industriegebäuden illegal.
Foto: Bram Vranckx from FreeImages

Verlassene Industrie-Lofts boten vor allem viel Licht und viel Platz

Lebenskonzept Kunst und Wohnen

Und trotzdem finden die Künstler in diesen Lofts etwas, nach dem sie gesucht haben, und das ihr neues Verständnis von Kunst reflektiert: die Verschmelzung von Arbeit und Leben. Denn die Lofts bieten viel Platz über ganze Etagen, viel Licht durch die großen Fenster und die Freiheit, alles von Grund auf nach den eigenen Vorstellungen gestalten zu können. Und so befreien sie die Lofts von Schutt und Müll, behalten die Arbeits- und Einrichtungsgegenstände, die sie gebrauchen können, und integrieren sie in ihr neues Wohnkonzept, das vor den unverputzten Backsteinmauern, Balken und Stahlträgen eine ganz neue Einrichtungsästhetik hervorbringt.

In den nächsten zwei Jahrzehnten entsteht eine eingeschworene Community, die zusammen arbeitet, sich inspiriert und fördert. Und die miteinander in ihrem Viertel feiert, das nach Betriebsschluss der noch bestehenden Fabriken ganz allein ihnen gehört. Der Performance-Künstler Jared Bark berichtet von dem Spirit, den er in den 60er Jahren in Soho erfahren hat:

“One thing is that there were so many energetic people, people of ambition and enthusiasm and schemes and plans and ideas who might in other generations have gone down more conventional pathways. (…) That was so far from our minds! (…) There was something so magnetic about living your life in a new and unprogrammed way that it attracted many, many people.”

London nach 1945: Wohin soll es gehen?

Auch das im 2. Weltkrieg schwer zerstörte London hat nach dem 2. Weltkrieg ein echtes Wohnraumproblem: Die Neuerrichtung von bezahlbaren Unterkünften geht nicht voran, immer noch leben Zehntausende in Provisorien. Leerstehende Häuser gibt es zwar, doch sind die meisten von ihnen zu Spekulationsobjekten von Immobilienkäufern geworden, die sie für Spottpreise erstanden haben und nun auf bessere Zeiten warten, um sie zu sanieren und ertragreich zu vermieten. In der Stadt herrscht eine revolutionäre Aufbruchsstimmung, viele sind der schlechten wirtschaftlichen Situation und der verstaubten gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse überdrüssig.

Gleichdenkende formieren sich zu Anti-Bewegungen und lösen das Wohnungsproblem auf ihre Art: Sie nehmen sich, was ohnehin leer steht und besetzen die Häuser der Spekulanten. Künstler, Freidenker, Studenten, Homosexuelle und Revolutionäre beziehen die Wohnungen und richten sich mit dem ein, was zur Verfügung steht. Auch diese Menschen sind, ähnlich wie in New York, sehr gut miteinander vernetzt und begeben sich auf die Suche nach neuen Lebens- und Ausdrucksmodellen und ähnlich wie in New York wird auch hier die Trennung zwischen Leben und Kunst aufgehoben, bekommen Objekte und Einrichtungsgegenstände einen neuen, pragmatischen Wert.

Der wohnliche Industrial Style

Die Bewegungen aus New York und London entwickeln den funktionalen Designansatz der industriellen Revolution weiter und übertragen ihn in ihre eigenen Lebenswelten. Und sie ergänzen diesen mit einem gewissen Anspruch auf Wohnlichkeit, fügen ihm also einen neuen Zweck hinzu, den er in seinem neuen Umfeld zu erfüllen hat.

Diese „Wohntauglichkeit“ erfüllt der Industrial Style, wie wir ihn heute kennen, mehr denn je. Dafür muss er nicht einmal mehr zwingend in einem Loft präsentiert werden, seinen Pragmatismus und seine Funktionalität bringt er auch in allen anderen Wohnungen und Häusern zum Ausdruck. Dem Pragmatismus hat sich mittlerweile ein Hauch von Sehnsucht hinzugesellt, eine Sehnsucht nach den weltbewegenden Erfindungen der industriellen Revolution, aber auch eine Sehnsucht nach der Zeit, als sich die Kreativen von New York, London und der ganzen Welt zusammengefunden haben, um ihr Leben der Kunst und der Party zu widmen.
Hier präsentiert sich die Serie Thorkas
von carla&marge im schönsten Industrial Style
Maria Thumser

Autorin:

Maria Thumser

Fount of Content

Literatur:

Cassandra Müller: Loft Living. Ein Umnutzungskonzept ehemaliger Industriebauten zur Revitalisierung von Innenstädten, Diplomarbeit an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, Nürtingen, 2002.

Neue Gesellschaft für bildende Kunst Berlin (Hrsg.): Goodbye London. Radical Art and Politics in the Seventies, Berlin, 2010.

Brigitte Durieux & Laziz Hamani: Industrial Chic. Cult furniture, Design an Lightning, London, 2012.

Misha de Potestad, Patrice Pascal: Vintage Industrial. Living with Machine Age Design, New York, 2014.

Aaron Shkuda: The Lofts of Soho. Gentrification, Art, and Industry in New York, 1950-1980, Chigaco, 2016.

Jo Applin, Catherine Spencer, Amy Tobin (Hrsg.): London Art Worlds. Mobile, Contingent, and Ephemeral Networks, 1960-1980, Pennsylvania, 2018.

Internet-Quellen (abgerufen am 15.11.2021):

https://de.wikipedia.org/wiki/Great_Exhibition

https://de.wikipedia.org/wiki/Jugendstil

https://de.wikipedia.org/wiki/Bauhaus

Wie carla&marge dem Industrial Style ihre eigene persönliche Note verleihen
und wie Du ihn in Deinem Zuhause gestalten kannst, erfährst Du in unserem Artikel
"Mit einem Hauch von Weiblichkeit - unser Industrial Style"

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